Na los, entscheide dich!

Es ist nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Insbesondere, wenn sie den Ernstfall betrifft: Über die eigene Patientenverfügung oder das eigene Testament wird oft nicht gesprochen, die Entscheidungen aufgeschoben. Doch warum fallen uns ausgerechnet diese Entscheidungen so schwer? Ein Gespräch mit der Philosophin Catherine Newmark.
  • Philosophie

Catherine Newmark, warum fallen uns Entscheidungen so schwer?

Es fällt uns schwerer Entscheidungen zu treffen, wenn wir viele Optionen zur Auswahl haben. Heutzutage stehen uns potentiell endlose Möglichkeiten offen. Das hat zur Folge, dass wir jede Entscheidung durchdenken müssen. Als Beispiel: Wenn ich einen Koffer brauche, gehe ich ihn nicht mehr einfach im einzigen Laden des Ortes kaufen, sondern fange an zu recherchieren, welche Koffermodelle es aktuell gibt.

Ähnlich verhält es sich bei der Partnerwahl. Wenn man auf einem Forum sein*e Partner*in aus Hunderten von Profilen auswählen kann, ist man selten mit demjenigen zufrieden, das man als erstes anschaut.

Ist der Mensch also gar nicht dazu in der Lage, aus so einer grossen Vielfalt auszuwählen?

Wir sind dazu in der Lage, aber es ist anstrengend. Ein Argument, das man damit in Verbindung bringen kann: Freiheit ist anstrengend. Wir sind froh, sie zu haben, aber gleichzeitig verlangt sie uns auch etwas ab.

Stellen Sie einen Unterscheid zwischen der Generation der Babyboomer und jener der Millennials fest?

Was mir heutzutage auffällt, ist die Vorstellung, dass alles miteinander vereinbar sein muss, beispielsweise Familie, Beruf und Freizeit. Doch das ist schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich. Das Ideal, dass man alles gleichzeitig sein kann, wenn man nur will, ist bei den Millennials ausgeprägter als bei den Babyboomern.

Wie gehen wir mit Entscheidungen um, die uns mit dem Älterwerden oder mit der eigenen Sterblichkeit konfrontieren?

Oft verdrängen wir solche Entscheidungen, weil es unangenehm ist, darüber zu sprechen.

Ich denke, dass es wichtig ist, die Angehörigen, die im Ernstfall oft die Ansprechpartner*innen sind, bei solchen Entscheidungen mit ins Boot zu holen. Denn letztlich sind sie diejenigen, die mit der Entscheidung leben müssen.

Fällt es Frauen leichter über solche Entscheidungen zu sprechen als Männer?

Ich vermute, dass Frauen in unserer Kultur gewöhnter sind über Gefühle und persönliche Anliegen zu sprechen, als es bei Männern der Fall ist.

Aber mehr  als einen Geschlechterunterscheid nehme ich einen kulturellen Unterscheid wahr. In der Schweiz wird beispielsweise über das Thema Sterbehilfe viel offener gesprochen als es in Deutschland der Fall ist.

Hilft uns diese Offenheit, über den Ernstfall zu sprechen?

Die gesellschaftliche Stimmung beeinflusst, wie wir uns als Individuum fühlen und wir gewisse Themen ansprechen.

Haben Sie einen Tipp um solche Entscheidungen anzugehen?

Man sollte eine gewisse Offenheit und Gesprächsbereitschaft mitbringen und gleichzeitig dazu bereit sein, sich auf die Gefühle einzulassen, die diese Entscheidungen bei den Angehörigen auslösen. Man sollte sich bewusst sein, dass man heikle Themen mehrmals besprechen und ausgiebig diskutieren muss, um bestenfalls einen Konsens zu finden.

Was hilft Ihnen dabei, Entscheidungen zu treffen?

Die Stoiker haben sich immer gefragt: «Was liegt in meiner Macht?» Das finde ich einen hilfreichen Gedanken. Wenn man vor einer Entscheidung für sich selbst klärt, welche überhaupt in der eigenen Macht liegt, gestalten sich viele Situationen etwas leichter.


            Catherine Newmark
Catherine Newmark
Philosophin
Catherine Newmark (*1976) studierte Philosophie und Geschichte in Zürich und Paris und promovierte 2007 an der Freien Universität Berlin. Aktuell ist sie freischaffende Autorin und Redaktorin beim Philosophie Magazin.

Foto: Johanna Ruebel

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