«Sollten wir nicht mehr zueinander schauen?»

Altersheime dürfen keinen Besuch mehr empfangen. Als Reaktion darauf haben Benno Kästli und Sandra Sutter die SOLIBOX ins Leben gerufen: Ein Paket voller Magazine, Zeichnungen und Geschichten. Nun erzählt Benno Kästli, warum es gerade jetzt wichtig ist, Beziehungen zu pflegen und sich solidarisch zu zeigen.
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Benno Kästli, du hast die SOLIBOX gemeinsam mit Sandra Sutter ins Leben gerufen. Wie ist die Aktion entstanden?

Als wir gehört haben, dass die Bewohner*innen in den Altersheimen keinen Besuch mehr empfangen dürfen, hat uns das nachdenklich gestimmt. Wir haben uns gefragt: Wie geht es diesen Menschen? Wie fühlen sie sich gerade? Wir wussten, dass wir etwas unternehmen wollen. Einerseits möchten wir den vielen Enkelkindern die Möglichkeit geben, den Grosseltern eine Botschaft zu schicken. Andererseits wollen wir den Personen in den Altersheimen Abwechslung bieten. So sind wir auf die SOLIBOX gekommen.

Wie ging es weiter?

Ich habe Kurt Aeschbacher von der Idee erzählt. Er war begeistert und ist mit an Bord gekommen. Danach haben wir das Projekt in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft, die Website aufgesetzt und verschiedene Altersheime über die Aktion informiert. Dank den sozialen Netzwerken konnten wir rasch viele Menschen erreichen.

Wie schafft man es, eine solche Aktion in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen?

Wir haben die Website relativ schnell aufgesetzt, damit man ein Paket bestellen oder Online spenden kann. Es war eine Frage der Koordination, was nicht zuletzt beim Versand eine wichtige Rolle spielt. Wir haben bisher über 3’200 Boxen versendet. Momentan erhalten wir täglich rund 100 Bestellungen.

Was war besonders herausfordernd?

Die grösste Herausforderung bestand darin, den Menschen in den Altersheimen mit sinnvollen Dingen eine Freude zu machen. Die SOLIBOX soll auf der einen Seite zur Aktivierung der Menschen dienen, auf der anderen Seite ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Die grosse Frage war auch, ob alle Beteiligten mitmachen und auch die Kinder einen Beitrag mit Zeichnungen und Geschichten leisten werden. Ausserdem war es wichtig, dass wir das Material zum richtigen Zeitpunkt erhalten.

Wo erlebst du die grösste Solidarität?

Unsere Partner*innen waren sehr unkompliziert und haben gleich mitgeholfen. Wir haben am Anfang verschiedene Magazine angesprochen, die uns gleich Lesematerial zur Verfügung gestellt und uns auch finanziell unterstützt haben.

Auch bei den Zeichnungen und Geschichten merkt man, dass die Kinder und Enkelkinder den sozialen Kontakt zu den Grosseltern vermissen. Zurzeit erhalten wir täglich an die 50 Osterkarten und rund 80 Zeichnungen, davon stammen viele auch von Schulklassen.

Was war die berührendste Reaktion, die du bisher erhalten hast?

Viele Grosseltern sind begeistert, dass sie so unverhofft beschenkt werden. Heute habe ich einen Brief einer Mutter erhalten. Darin schreibt sie: «Ich werde bald 92 Jahre alt. Aber sowas habe ich noch nie erlebt.» Das ist sehr berührend.

Was ist deine persönliche Affinität zu diesem Thema?

Es hat sicher auch mit meinen Eltern zu tun: Sie sind über 80 und ich kann sie momentan nicht besuchen. Ausserdem erlebten wir, was es bedeutet, wenn man dieses Virus hat: Ein Verwandter von uns musste ins Spital und sein Leben hing an einem seidenen Faden.
Ich denke, dass jetzt der Moment ist, uns Gedanken zu machen, wie sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln soll. Bereiche wie Pflege aber auch die Freiwilligenarbeit, werden plötzlich als «systemrelevant» bezeichnet. Sollten wir nicht alle bewusster mehr Zeit in Aktivitäten wie die Freiwilligenarbeit investieren, um mehr zueinander zu schauen und auch andere Menschen zu sensibilisieren?

Wie ist die Situation in den Altersheimen momentan?

Es werden Gespräche über die Zeichnungen und Geschichten der Kinder geführt, Vergleiche von Bildern gemacht und einander Berichte aus den Magazinen vorgelesen. Die Verantwortlichen der Heime sind dankbar um Massnahmen für die Aktivierung der Bewohner*innen.

Wird dieser Solidaritätsgedanke auch in Zukunft bestehen bleiben?

Das ist eine Frage, die mich gerade sehr beschäftigt. Ich frage mich, ob die derzeitige Solidaritätsbewegung nur aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation besteht oder sich nachhaltig etablieren wird. Persönlich bin ich da etwas skeptisch, aber mal sehen, was die Zukunft bringt. Es ist auf jeden Fall eine spannende Zeit.

SOLIBOX wird von der Stiftung Generationen-Dialog unterstützt.


            Benno Kästli
Benno Kästli
INITIANT SOLIBOX
Benno Kästli (*1967) ist Geschäftsführer des IT-Unternehmens comperio.ch und Mitherausgeber des Magazins «50plus».
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